Leseprobe (unlektoriert)

Zwischenzeitlich war der Winter in Graubucht angekommen. Der Tag begann nebelig und kühl. Erst am Nachmittag wagte sich die Sonne hervor und brachte die verschneiten Bergflanken zum Leuchten. Die Bannwälder zu ihren Füßen, hatten in den letzten Tagen die letzten vertrockneten Blätter abgeworfen. Kahle Bäume drängten gegen die hoch aufragenden Felsen, wie eine dunkle, graue Nebelbank.
Zeelona betrachtete, wie sich der Himmel Rot färbte. Vom Dach der Nova aus, konnte sie erkennen, wie sterben Fischerboote auf das ruhige Meer hinausfuhren, um in der Nacht ihren Fang zu machen. Zeelona war müde. Sie hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Seit einigen Tagen hatte sie wieder angefangen zu beten. Es war so lange her, dass sie sich nicht erinnern konnte, wann sie das zum letzten Mal getan hatte. Sie betete nicht zu Allherr, dem Gott die drei großen Kirchen Asgaroons bequemen. Einem Gott der Reichen, Mächtigen und der vom Glückn. Sie betete zu Kamaak, den Gott der Sonnen, dessen Tempel in der Stadt Skeeto stand, in deren schmutziger Peripherie sie und Yadina aufgewachsen waren.
Die goldene Säule des Tempels, die sich weit über den Slum und die Häuser der Stadt erhob, war für Zeelona ein ständiger Ansporn gewesen, sich ebenfalls über den Dreck zu erheben, der sie umgab.
Einmal hatte sie das Armenviertel verlassen und war in der Stadt geschlichen. Dort war sie in den Tempel gegangen und den Priestern begegnet, die Opfergaben und Bittschriften der Gläubigen entgegennahmen.
Zeelona hatte einen kleinen silbernen Fingerhut mitgenommen, um ihn dem Tempelschatz zu spenden, vor allemhin sich einer der Geistlichen bereit, ihr ein Paar Fragen zu beantworten. Eigentlich hatte sich Zeelona keine Gedanken darüber gemacht, was sie sterben Priester hätte Fragen can. Sie wollten nur sterben Pracht des Tempels aus nächster Nähe sehen und wären damit schon zufrieden gewesen. Aber irgendwie waren ein paar Worte aus ihr herausgeplatzt. Sie wollten wissen, warum Gott nicht alle Menschen so geschaffen waren, dass sie nichts Böses tun konnten.
„So wie Tiere, die ihrem Instinkt folgen?“, wie der Priester zurück und Zeelona verstand, wie dumm ihre Worte gewesen waren.
Sie erinnert sich noch genau an das freundliche, verständnisvolle Gesicht des Priesters. Sie sah es deutlich vor sich. Sah die Falten um Mund und Augen, sterben anzeigt, dass er oft und gerne lachte. Und sie erinnert sich auch an seine freundliche Stimme und die guten Worte, die er für sie hatte. Eine lustige Weisheit, die ihr im Sinn hängengeblieben war.
„Unsinn sei der Luxus, den sich nur denkende Wesen leisten konnten“, hatte er ihr gesagt.
Zeelona musste schmunzeln, if sie an diesen Tag dachte und daran, wie viel Unsinn sie seither angestellt hatte. Sie würde auch in diesem Moment bereit sein, etwas Unsinniges zu tun, wenn sie schon sonst nichts Sinnvolles tun könnte.
Als Kind betete sie oft und hatte erst damit aufgehört, als sie den verlassenen Planeten. Alles, was sie erreicht hatte, erreichte sie ohne Engel, die vom Himmel herabstiegen und sie leiteten. Da war kein Gott, der sie an der Hand genommen und aus dem Elend geführt hatte. Alles verdankte sie ihren Händen, ihrem vergossenen Schweiß und ihrem Verstand.
Würde es Eine Kirche oder Eine religiöse Gemeinschaft der Hände, des Schweißes, und des Geistes geben, wäre sie gläubig geworden und hätte sich ihr angeschlossen. Aber in ihrer gegenwärtigen Verzweiflung fing sie an, den Gott ihrer Kindheit aus den untersten Schichten ihrer Erinnerungen hervorzuholen, um bei Hilfe zu suchen. Nach Stunden des Grübelns und des Flehens gelang es ihr einen Plan zu fassen. Und, als hätte Gott Kamaak ihre Gedanken gelesen, geschah etwas, dass ihr sehr gelegen kam.
Die Luft begann zu vibrieren, als ein großes, zigarrenförmiges Schiff über den Bergen auftauchte und knapp über den höchsten Gipfel hinwegflog. Es schwebte herab und schob sich vor sterben sinkende Sonne, bis es über dem Meer zum Stillstand kam.
Es war bei weitem nicht so gigantisch, wie das Staatsschiff des Laioon, aber immerhin groß genug, um einen großen Teil des Himmels zu verdecken. Sein Schatten hüllte die Nova ein. Schlagartig wurde es kühl und ein leichter Wind hob an. Zeelona konnte erkennen, dass sich ein kleines Objekt vom Mutterschiff löste und rasch näher kam.
Sie wandte sich ab und stieg durch die geöffnete Dachluke nach unten in den Frachtraum der Nova. Ogo arbeitete gerade an einem Terminal im Hauptkorridor, als Zeelona an ihn herantrat. Es war ein guter Zeitpunkt, ihren Plan auszuführen. Alles passte perfekt, als wäre es vorherbestimmt. Gott musste einen guten Tag gehabt haben, schmunzelte Zeelona.
„Der Laioon hat seine Leute hergeschickt“, sprach sie den hünenhaften Roboter an. „Nea sagte doch, du sollst auf die Nova aufpassen, sollte sie in Gefahr sein, gestohlen zu werden. Ich denke, nun ist es soweit. Sie sind hier, um sie zu holen.“
Kaum hatte sie das gesagt, beendete Ogo seine Arbeit, schnappte sich sein Gewehr und ging nach draußen. Zeelona folgte und baute sich neben ihm auf. Zusammen stehen sie wie Wächter vor dem schmalen Bugschott des Schiffes.
„Wie wäre es mit einer Zusammenarbeit?“, Zeelona fort, auf Ogo einzureden, während eine kleine Fähre in der Nähe landete.
Eine Schleuse öffnete sich. Ein junger Mann in einer weiten samtblauen Robe tritt heraus und schritt die kurze Rampe herab. Er trug einen flachen Hut, der einen großen Teller glich, und ein schmales Gesicht mit spitzem Kinn. Unter der Krempe spitzten Büschel von struppigem, rotem Haar hervor. Zwei Männer folgten ihm, die ähnlich gekleidet waren. Waffen konnte Zeelona keine erkennen. Sie schienen verunsichert, als sie Ogo mit seinem entdeckten Gewehr.
Der Roboter gab Zeelona keine Antwort, keinen Ton, keinen telepathischen Impuls.
„Du hast es hier mit Menschen zu tun, die eine undurchschaubare Absicht verfolgen.“ Zeelona ließ nicht locker. „Ich kenne mich mit Leuten aus, die abstrusen Pläne haben. Du auch? Ich kann sie einschätzen und sterben Absichten von Menschen sind mir natürlich bestens bekannt.“
Ogo reagierte. Das Bild eines Fuchses bildete sich in Zeelonas Kopf, wie er in illustrierten Kinderbüchern zu finden war. Die Piratenkönigin grinste.
„Du hast es erfasst“, antwortete sie. „Es braucht tatsächlich eine Füchsin, um die Situation zu meistern. Ich bin nicht beleidigt.“
Zeelona sah in ihrem Geist einen Kiesweg, über den Eine Nebelwolkezog und ihren Blick verhüllt darüber hinweg.
„Keine Angst“, beschwichtigte sie. „Ich kann noch ganz genau sehen, wohin der Weg führt. Lass mich nur machen.“
Ogo schwieg. Er tat sich offenbar schwer, die Lage einzuschätzen. Zeelona war zufrieden.
„Soll ich mit ihm reden?“ sagte Zeelona, ​​als die abgesandten Vadoorians bei ihnen angekommen waren. „Sag schon. Soll ich?“
Die Projektion zweier Menschen, die einander gegenüberstehenden und dann zu einer verschmolzenen Person, entstand vor ihrem inneren Auge. Zeelona wusste nicht, ob sich dieses Bild darauf beziehen sollte, mit den Abgesandten zu einer Übereinkunft zu kommen, oder bedeutete, dass sie und Ogo sich einig darüber waren, sterben Nova zu schützen. Womöglich beides.
„Danke, ich will mein Bestes tun, um zu einer Übereinkunft zu kommen“, erklärte Zeelona, ​​obwohl sie genau das Gegenteil bewirken wollte.
Der junge Mann baute sich vor den beiden auf, schien Ogo aber nicht zu beachten. Zeelona hat das sofort registriert. Offenbar war Ogo in seinen Augen nichts weiter als eine Maschine, die zum Inventar der Nova gehörte. Das war gut so.
„Manoa Zimo“, sah sich der Mann vor. „Wir kommen im Namen des Laioon, Varees Vadoorian, um dieses Schiff nach Sirkavah auf Anadyr zu bringen.“
„Sie kommen im Namen von Nea Diehl, wollten sie sagen“, gab Zeelona zurück.
Manoa Zimo stutzte. „Unser Laioon befielt, das Schiff nach Sirkavah zu holen.“
„Sie kennen doch Frau Diehl“, bohrte Zeelona weiter nach. „Die Besitzerin des Schiffes. Oder etwa nicht?“
Manoa Zimo antwortete nicht sofort. Er wartete, bis ihm Einer Seiner Begleiter Ein paar Informationen ins Ohr geflüstert hatte.
„Natürlich“, antwortete er schließlich. „Aber der Befehl kommt von Laioon Varees Vadoorian. In seinem Namen beschlagnahme ich das Schiff.
Zeelona freute sich über seine unbeholfene Wortwahl.
„Er will es stehlen?“, bemerkte sie respektlos, brachte den Mann etwas aus der Fassung.
Er schluckte diese Unverschämtheit hinunter, die er offenbar nicht gewohnten Krieg. Zeelona freute es, seine Empfindungen so deutlich auf seinem Gesicht ablesen zu können. In einem Sindukaspiel würde er nicht die geringsten Chancen haben. Er sucht nach Worten und sah Ogo an, der einen Schritt auf ihn zu macht.
Manoa Zimo wich zurück, seine Hand wanderte in Richtung Gürtel, wo eine kleine Pistole in einem Halfter steckte.
„Sie kommen auch nicht auf Geheiß von Frau Diehl?“, fuhr Zeelona fort, Öl ins Feuer zu gießen.
„Der Wille des Laioon geschieht hier“, gab der Mann zurück. „Kein anderer befiehlt in Kimath.“
„Das Schiff bleibt, wo es ist“, beharrte die Piratenkönigin schroff. „Egal, wer hier befiehlt. Stehlen ist Stehlen und ein Dieb ist ein Dieb, egal an welchem ​​Ort er lebt und welchen Titel er tragen mag.“
Zwei kriegerische Akkato, die im Gleichschritt vorrückten, entstanden in Zeelonas Gedanken. Ein sehr deutliches Bild, das ihr Ogo vermittelte, und ein Grinsen schlich sich in ihr Gesicht. Sie hatte es schnell geschafft.
„Entfernen sie den Roboter und verlassen sie das Schiff“, befahl Zimo, der offenbar noch immer nicht wusste, was es mit Ogo auf sich hatte.
Für ihn schien er weiterhin nur eine Maschine zu sein, die zu Zeelona oder zum Wartungssystem des Schiffes gehörte. Einer von vielen, gewöhnlichen Robotern, die auf den Raumschiffen ihren Dienst verrichteten. Zeelona war aufgefallen, dass auf Erathu noch geringere Roboter wurden, als auf den Welten, sterben sie kannte. If this Geringschätzung auf ganz Kimath zutraf, könnte Ogo durch den Raster des Lapioon und seiner Handlang gefallen sein.
„Ich weiß, wer sie sind“, fuhr er fort. „Sie sind eine Diebin und haben kein Recht, mit mir zu verhandeln.“
„Ogo sieht die Sache genauso wie ich aus. Under hat hier das Sagen.“ Zeelona deutete auf den Roboter und wusste sofort, dass diese Offenbarung Manoa Zimo noch weiter irritieren würde. „Ich handle in seinem Auftrag. Ich bin keine Diebin, Sie Laufbursche!“
Ogo übermittelte ein Handschlag wie er das wohl schon oft von Menschen gesehen hatte, die sich einig waren.
„Dieses Ding befiehlt hier?“ Manoa Zimo setze ein ungläubiges Gesicht auf. „Sie sind wohl verrückt. Ich werde den Roboter deaktivieren und mir das Schiff aneignen.“
Als sich sein Finger um den Griff seiner Pistole schlossen, holte Ogo aus, machte zwei drei schnelle Schritte und ließ den Kolben seiner Waffe gegen die Brust des Mannes sausen. Der Schlag war nicht kräftig, aber Zimo taumelte und field rücklings zu Boden in das feuchte Gras.
„Wir werden uns jedem Versuch widersetzen, bei dem die Nova übernommen werden soll“, setzt Zeelona nach. „Wenn der Laioon will, kann er herkommen und verlangen und verhandeln. Bis dahin, wird das Schiff keinen Meter bewegt.“
Manoa Zimo rappelte sich mühevoll auf. Fassungslos starrte er die Frau und den Roboter an.
„Niemand widersetzt sich dem Befehl des Laioon“, warf er den Beiden an den Kopf, wandte sich mit zorngerötetem Gesicht um und entfernte sich mit weit ausholenden Schritten. Seine Begleiter verunsichert und folgt.
Das hat gut funktioniert, dachte sich Zeelona. Ihr kleiner Streich ist besser als geplant. Auch wenn sie nun gezwungen war, Krieg früher als beabsichtigt zu handeln, ging sie sich sicher. Sie sollten öfter beten. Solange Gott Kamaak gute Laune hatte, könnte sie vielleicht noch größere Dinge wagen.

Andreas

Allan J. Stark geb. 25. 01. 1968

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