Nea, Taya, Reihmann und ein riesiges Raumschiff.

Es war klug von Reihmann gewesen, sich schon früh auf die Lagon zurückzuziehen, überlgte Nea. Offenbar kannte er die Ausgelassenheit der Feste auf den Agrarwelten und hatte, gut kalkuliert, den Rückzug angetreten. Gestützt von Taya schwankte Nea zu ihrem Quartier. Nach der Bordzeit der Lagon war es spät in der Nacht, oder bereits früh morgens, aber Nea war munter, angeheitert und ausgelassen. Der schwere Süßwein hatte ihr sehr zugesagt.
„Ich weiß überhaupt nicht, was ich mit einem weiteren Schiff machen soll“, meinte sie, mit leidlich artikulierten Worten. „Reihmann wird sich der Akkonia annehmen, ist es nicht so?“
Taya wagte es nicht, eine Vermutung zu äußern.
„Aber dann wäre er ein Dieb, oder?“ Nea hob den Finger. „Ein einfacher Dieb.“
Taya öffnete die Tür zu Neas Quartier und beide taumelten hinein. Nea ließ sich auf das Bett fallen, während Taya ihrer Herrin die Stiefel von den Füßen zog und ihre Uniform öffnete.
„Ich bin Besitzerin von Millionen Schiffen, von denen mir keines gehört, und ich gebe Befehle, die mein Vorgesetzter nicht mag, obwohl er weiß wie gut sie sind. Ich bin Feuerkind und habe keine Ahnung wer das eigentlich ist. Ist das alles eine simple Verwechslung, oder eine geschickt konstruierte Intriege. Und wenn ja, wem nützt sie denn? Kannst du dir auf all das einen Reim machen, Kleines?“
Nea sah Taya an, aber sie schwieg hinter einem kaum erkennbaren Lächeln. Inzwischen war Taya etwas zugänglicher geworden. Die Ehrfurcht, mit der sie Nea zu anfangs begegnete, war noch immer da. Vielleicht sogar stärker als zu Beginn. Doch inzwischen hatte sie Vertrauen gefasst und viel von ihrer Scheu verloren.
„Feuerkind“, murmelte Nea vor sich hin. „Drakonea. Wirst du schlau daraus? Ich habe im Archiv gesucht und nichts gefunden. Und das, was du mir gesagt hast, ist auch nicht viel. Feuerkind ist offenbar eine vergessene Göttin. Die Tochter des alten Drachen, die man seltsamerweise willkommen heisst, anstatt sie zum Teufel zu jagen. Dann kann sie ja nicht die Tochter eines Teufels sein. Was denkst du?“
„Ich denke, Ihr habt recht, Herrin.“
Nea war mit einem Mal wieder bei klarem Verstand.
„Du weichst mir aus.“ Sie fixierte Taya streng. „Du weißt etwas.“
Taya nahm Haltung an. „In den Archiven des Laioon werdet ihr nichts finden“, sagte das Mädchen. „Und alle anderen Welten dürfen keine eigenen Archive führen. Wenn ja, dann werden sie mit den Aufzeichnungen auf Sirkavah abgeglichen. Die Ayrees sorgen dafür. Die Behörde für Geschichte hat viel Macht und lässt nicht zu, dass jemand von dieser Direktive abweicht. Alles was nicht von den Archivaren beglaubigt ist, wird als unwahr oder unbestätigt angesehen. Als Vermutung oder Märchen.“
„Die Ayrees?“ Nea wunderte sich. „Was sind das für Leute?“
„Ein Orden, der dem Laioon dient.“
„Das habe ich mir schon gedacht“, antwortete Nea ungeduldig. „Was ist deren Philosophie?“
„Ich kenne ihre Philosophie nicht.“
„Dafür hast du aber viele Informationen über sie.“ Nea verlor die Geduld. „Was will man verbergen?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete Taya. „Aber als Ayree bezeichnete man in der alten Sprache eine Maske, die das Gesicht von Verstümmelten bedeckte. Sie konnte aus Metall, Keramik oder Holz sein“, fuhr Taya fort zu erklären, als hielte sie einen Kurzvortrag vor ihrer Lehrerin. „Oft handelte es sich auch lediglich um einen Schleier.“
Mit dieser Information konnte Nea schon mehr anfangen. „Sie verhüllen die hässliche Fratze hinter dem Schleier der Unwissenheit. Du darfs sehen, was wir dir erlauben. Das wäre ein sinnvolles Motto.“
„Sie sorgen dafür, dass niemand von der Lehrmeinung abweicht, die sie als die einzig gültige Wahrheit anerkennen. Oder die sie als Maßstab vorgeben.“
„Daran wird sich keine Welt halten.“ Nea schüttelte den Kopf. „So was Blödes kann niemand befehlen.“
Taya lachte. Sie lachte selten. Eigentlich nie. Ein amüsiertes, kaum wahrnehmbares Lächeln, dass ab und an ihre Mundwinkel umspielte, war alles was das Mädchen zuließ. Nea war für einen Augenblick irritiert.
„Ihr habt recht, das ist unmöglich.“ Taya wurde wieder ernst. „Und bestimmt gibt es auf jeder Welt geheime Archive, von denen niemand etwas wissen darf. Aber die Ayrees machen da keine halben Sachen. Sie sorgen dafür, dass die Aufzeichnungen mit dem Archiv des Laioon übereinstimmen. Sie gehen jeder Spur nach und haben umfangreiche Befugnisse. Doch jedes Volk hat seine Mythen und Märchen, die es bewahrt. Darin stecken viele Wahrheiten.“
„Drakonea.“ Nea ließ sich in die Kissen fallen. „Rätsel über Rätsel. Wenn ich dich fragte und du könntest mir antworten, dann müsste ich davon ausgehen, dass du in verbotenen Archiven gestöbert hast.“
„Nein, Herrin, das habe ich nicht“, beteuerte Taya.
„Keine Sorge ich denunziere niemanden. Schon gar nicht, wenn man sich eine Freiheit herausnimmt“, beruhigte Nea sie. „Aber was weißt du? Und woher?“
„Ich weiß vieles aus verbotenen Liedern und Geschichten die mündlich überliefert wurden. Aus den Märchen, von denen ich sprach.“
„Verbotene Lieder, Geschichten und Märchen, oh mein Gott“, Nea legte die Hand auf die Augen. „Ich bin zu müde. Aber ich werde dich eines Tages fragen, ob du mir etwas vorsingen kannst.“

***

„Unser Herrscher schickt Grüße“, sagte David Reihmann, als Nea mit Taya auf dem Kommandostand der Lagon erschien. „Und auch er hat ein Geschenk für Sie.“
Reihmanns freudig grimmige Proklamation donnerte schmerzhaft in Neas Kopf. Die bösen Nachwirkungen des Süßweins übertrafen die Freuden, die ihr sein Genuss bescherte.
„Ihr erstes Geschenk kennen Sie ja schon.“ Er deutete zum Frontfenster. „Sehen Sie es sich im Sonnenlicht an. Sie werden beeindruckt sein.“
Nea wunderte sich, dass er darüber nicht in einen Wutausbruch verfiel und sich entrüstete, wie sie ein solches Geschenk überhaupt hatte annehmen können. Oder war es eine Form von Zynismus, den sie gerade nicht erkannte? Nea konnte ihr Staunen kaum verbergen, während ihr Blick auf die Akkonia fiel, die reglos vor dem Bug der Lagon verharrte. Während der Feier und im Dunkel der Nacht, hatte sie, außer der gewaltigen Größe des Kreuzers, nicht viel erkennen können. Inzwischen lag das Schiff im Licht, enthüllte seine martialische Form und vermittelte ihr den Eindruck unbezwingbarer Stärke. Dicke Panzerplatten bedeckten den langen, gedrungenen Rumpf und ein mächtiges Antriebsystem verhieß enorme Schubkraft und Wendigkeit. Eine Vision von Kraft und Macht zu kaltem Metall erstarrt, die Nea zu der Frage veranlasste, welchem Hirn dieses monströse Konstrukt entsprungen sei. Seine Bauweise sah ganz anders aus, als die der Schiffe des Laioon.
„Wurde es hier gebaut?“, wollte Nea wissen. „Ich dachte, es gäbe hier nur Äcker und Felder. Ein paar Werkstätten vielleicht. Aber um dies hier zu bauen, braucht man mehr als das? Oder hat uns der kleine Alte dem Laioon bisher etwas verheimlicht.“
Reihmann starrte misstrauisch auf die Akkonia als würde sie jeden Moment das Feuer eröffnen. „Auf allen Welten gibt es Werften und ausgedehnte Hafenanlagen. Selbst auf den Agrarplaneten. Aber nur wenige entwickeln ein derart eigenwilliges Design. Ich kenne nur einen, der so beachtenswerte Fahrzeuge entwickelt.“
„Und wer ist das?“
Reihmann wirkt abwesend und nachdenklich. „Man nennt ihn den Großen Konstrukteur. Auch Nomad oder Hephaistos.“
Nea trat näher an das Fenster heran und genoss den Anblick eine Weile. Sie rechnete damit, dass Reihmann sie im nächsten Moment auffordern würde, sich mit dem Ältestenrat der Zaron in Verbindung zu setzen und das Geschenk feierlich abzulehnen. Das war mehr als wahrscheinlich, denn die Mannschaft an Bord der Akkonia gehörte den Zaron an und nicht der Alphaflotte des Laioon. Die Akkonia neu zu besetzten würde Zeit erfordern. Nach den technischen Unterschieden zu urteilen, würde die Mannschaft wohl eine entsprechende Ausbildung benötigen, um das Schiff zu beherrschen.
„Ich habe die Ehre, Euch in den Rang eines Commandanten im Dienste des Laioon zu ernennen“, eröffnete der Großadmiral plötzlich und reichte Nea ein kupfernes Röhrchen, mit dem Siegel des Laioon an beiden Enden. „Hier ist euer Ermächtigungsschreiben. Es traf vor einer Stunde mit einem Kurier hier ein, direkt von Sirkavah. Die Akkonia wurde in den Kampfverband um die Lagon eingegliedert. Ich übergebe sie hiermit Eurem Kommando. Die Mannschaft untersteht Ihnen.“
Nea war über diese Nachricht weitaus bestürzter, als sie sich eingestehen mochte. Und erst recht über das ungewöhnliche Verhalten des Großadmirals, der sich weder dagegen sträubte, noch diese Neuigkeiten mit säuerlichen Worten kommentierte. Womöglich war er glücklich darüber, sie endlich von Bord zu haben. Allerdings bedeutete das auch, dass sie seiner unmittelbaren Beobachtung entzogen war.
„Ein Kurier hat es gebracht?“ Sie drehte das Röhrchen in ihren Fingern. Eine Fayroo-Passage dauerte über zwanzig Stunden und der Sieg über die Gothreks lag kaum einen Tag zurück. Die Ernennung musste schon vorher erfolgt und von Vadoorian abgeschickt worden sein.
„Weiß der Laioon von der Akkonia?“
Reihmann zögerte. „Ich habe Graf Faday Rapport erstattet“, erklärte er. „Aber ich will Komplikationen vermeiden und habe die Akkonia noch nicht erwähnt.“
Nea konnte diese Entscheidung bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Aber dennoch hatte sie das Empfinden, dass mehr dahinter steckte. Dem Grafen etwas zu verheimlichen, war bestimmt keine Kleinigkeit und Reihmann ging damit ein Wagnis ein.
„Ich würde gerne an Bord gehen und mich umsehen“, antwortete sie kühl und sachlich und um ihre Unruhe und Bedenken zu überspielen.
Reihmann wirkte, als wolle er doch noch eine spitze Bemerkung abgeben, schien es sich dann anders zu überlegen. „Die Fähre steht bereit.“

Allan J. Stark

Allan J. Stark geb. 25. 01. 1968

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