NOMADS LEGACY 5 – Die Welten von Kimath (Leseprobe)

Kapitel 1

„Wer Erleuchtung will, muss erst durch das Dunkel gehen.“
(Su-Mada)

Nach einem kurzen goldenen Sonnenaufgang zog ein Sturm auf und verdunkelte den Himmel. Heftige Schauer gingen auf die Dschungelwelt hinunter, bis das Unwetter nach einer guten Stunde endlich schwächer wurde und sich ins Landesinnere verzog.
Noch immer türmten sich schwarze Gewitterwolken über dem grünen Bergkamm, der sich hinter den Gebäuden der Shin Bun Schule erhob. Ihre düsteren Schatten lagen über dem Urwald, der sich über die Flanken des Berges erstreckte. Nebelschwaden stiegen aus dem Dickicht bis weit über die Baumkronen empor. Vereinzelt zuckten noch Blitze aus der Nacht unter den Wolkentürmen. Entferntes Donnergrollen rollte heran, aber es besaß keine Macht mehr irgendjemanden in Schrecken zu versetzen.
Vom nahen Meer frischte der Wind auf und trieb weiße Wolken vor sich her. Das Blau des Himmels kehrte zurück und die Sonne begann wieder heiß auf den Sandplatz herabzustechen, auf dem Taya stand.
Der Trainingsroboter, ausgestattet mit ihrem beträchtlichen Sortiment an Übungswaffen, darunter Keulen, Schwerter, Messer und Projektilschleudern, schwebte reglos vor dem Mädchen, über dem roten Staub. Die Maschine summte im Bereitschaftsmodus, während die ölig glänzenden Linsen auf Taya gerichtet blieben.
„Trainingseinheit beenden“, befahl das Mädchen.
Der silbrig glänzende Zylinder klappte seine Greifarme und Waffen ein. Danach sauste er davon und verschwand in einem der Gebäude am Rande des Sportgeländes.
Taya rieb sich nachdenklich die schmerzende Schulter, an der sie von einem der Gummigeschosse getroffen worden war, die der Kampfautomat abgefeuert hatte. Das war nicht der einzige Treffer, den Taya an diesem Tag hatte hinnehmen müssen. Die stumpfen Klingen hatten sie an Beinen, Hüften und Bauch erwischt. Die Stellen würden ihr noch tagelang Schmerzen bereiten und sich blau verfärben.
Tayas Stolz war jedoch weitaus schlimmer verletzt. Ihr vierzehnter Geburtstag lag erst wenige Tage zurück und sie konnte sich rühmen, die begabteste Schülerin des Shin Bun zu sein. Gerade was ihre Fähigkeiten auf dem Kampfplatz anging, konnte es niemand mit ihr aufnehmen. Auch den Trainingsdrohnen gelang es nur selten, sie zu treffen oder zu entwaffnen, selbst wenn Meister Brack die Programmierung persönlich vornahm. Umso schwerwiegender wog die Tatsache, dass sie diesmal gleich vier Treffer hatte wegstecken müssen. All das musste ein Ausdruck des Zwiespalts sein, in den sie dieser obskure Graf gebracht hatte, der vor ein paar Minuten in Begleitung der Schulwächter in ihrer Unterkunft aufgetaucht war.
Taya war eines der unzähligen Waisenkinder, die der ewige Krieg gegen die Diener des alten Reiches hervorgebracht hatte. Und wie viele dieser Unglücklichen, fand auch sie ihren Weg in die Schule des Shin Bun, wo sie eine Ausbildung als Zofe und Dienerin erhielt.
Alle Schüler des Shin Bun betrachteten sich als die Kinder des Laioon, der diese Einrichtung vor vielen Jahrhunderten ins Leben gerufen hatte und dem sie absoluten Gehorsam schuldeten. Aber sie dienten ebenso den Häusern, denen man sie zuteilte und die zu den angesehensten Kreisen Kimaths gehörten. Man vertraute den Zöglingen der Shin Bun und Taya hätte nie in Betracht gezogen das Vertrauen zu missbrauchen, welches man in sie setzte. Dieser Aspekt schien durch den Besuch eines hochrangigen Vertreters des Herrscherhauses ins Wanken zu geraten, der genau diesen Punkt zur Disposition gestellt hatte. Verrat konnte niemals eine Option sein, unter der man in den Dienst einer Familie trat. Die Etikette des Shin Bun sah nicht vor, jemanden ans Messer zu liefern, selbst wenn es sich im Laufe der Zeit herausstellte, dass jemand in seiner Treue zum Herrscherhaus wankte. Sie bot lediglich die Möglichkeit, diese Familie zu verlassen und sich einer anderen anzuschließen. Die Personen zu hintergehen, unter deren Dach man Gastrecht genoss, fand in der Philosophie der Schule keinen Platz. Es bedeutete Betrug am Motto des Shin Bun. Doch genau das schien Graf Faday von ihr zu verlangen, ohne es direkt ausgesprochen zu haben. Die Ansichten des Grafen widersprachen so ziemlich allem, was sie gelernt hatte. Der Graf wendete nicht mehr Worte als nötig dafür auf und zerstörte jeglichen Spielraum für Interpretationen. Taya war nicht dumm und konnte sehr wohl die unausgesprochenen Befehle deuten, die sich hinter Fadays Worten verbargen.
Erneut betastete Taya die schmerzenden Stellen an ihrem Körper und schob sich das Hemd über den Bauch. Knapp über dem Nabel begann sich ein dunkelblauer Bluterguss zu bilden. Sie war froh, dass sie sich gerade alleine auf dem Sportgelände befand und ihr Versagen vor fremden Blicken verborgen geblieben war. Der Nachmittagsunterricht der unteren Klassen hatte gerade begonnen und durch die geöffneten Fenster konnte sie den Gesang der Kinder aus den ersten Lernstufen hören. In den Klassenzimmern wurde unterrichtet, und keiner der disziplinierten Schüler würde es wagen, dabei aus einem der Fenster zu blicken, um das Geschehen auf dem Sandplatz zu verfolgen. Der verträumte Jano würde es vielleicht wagen, dessen Gedanken immer irgendwo in den Wolken schwebten und der dafür immer wieder mit der Rute gemaßregelt wurde. Taya wusste jedoch, dass er sie niemals verraten würde. Oder womöglich doch? War es möglich, die gute Philosophie des Shin Bun mit einigen wenigen Worten ins Gegenteil zu verkehren?
Tayas Welt zeigte sich schwerer erschüttert, als sie es vielleicht wahrhaben wollte.
Mit dem Handrücken wischte sich das Mädchen den Schweiß von der Stirn und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, doch ihre Gedanken kehrte immer wieder zu diesem unangenehmen Treffen zurück.
Taya sah den beleibten Mann noch vor sich, wie er vor ihr stand. Ein Berg von einem Mann, ausgerüstet mit beängstigender Autorität. Er füllte die kleine Kammer, die Taya bewohnte, mit seiner Leibesfülle und redete auf sie ein. Er sprach leise, doch mit Nachdruck und so gut gewählten Worten, dass die Drohung, die darin mitschwang, umso spürbarer wurde.
Ob Leiterin Sonaya von diesem Treffen wusste, fragte sie sich? Er musste sie zumindest kontaktiert haben, denn Taya galt offiziell noch nicht als mündig. Erst mit sechzehn würde man sie einem Haus zuweisen können, ohne dafür die Schulleiter und Meister um Erlaubnis fragen zu müssen.
Allerdings galten für Taya, wegen ihres Talentes und ihrer Fähigkeiten, viele Ausnahmeregelungen. Ihr Abschluss lag schon ein Jahr zurück und sie war nur deswegen an diesem Ort, um die Zeit bis zu ihrer Mündigkeit zu überbrücken. Offensichtlich hatte sich das Rektorat kompromissbereit gezeigt und es dem Grafen gestattet, Taya vorzeitig von der Schule zu nehmen.
Immerhin war Graf Fachet Faday der Befehlshaber von Anadyr, der Palastwelt des Laioon von Kimath. Und wer würde sich trauen, ihm Steine in den Weg zu legen?
Wie auch immer. Sie würde bestimmt bald Näheres über seine Motive erfahren, und das womöglich schneller als es ihr lieb sein konnte.

Allan J. Stark

Allan J. Stark geb. 25. 01. 1968

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