NOMADS 12 – Gespregte Ketten (Leseprobe)

Wieder eine unlektorierte Textpassage. Sie ist am 07. 08. 2021 entstanden.

Davis versuchte, alle Details der Situation zu erfassen. Seine Anspannung wuchs, je gefährlicher sich die Lage im Tempel in seinen Augen entwickelte, auch wenn sich das Bild für einen unbeteiligten Beobachter eher harmlos darstellen mochte. Zusammen mit Skorsky, Odana und einer Gruppe ihrer Offiziere, stand er auf dem Buckel der Rakara, in einem Garten, von wo aus, sich ihnen ein atemberaubender Blick über das Land bot. Der Garten, der die Ruhe eines klösterlichen Parkarangements ausstrahlte, befand sich in der Nähe des Bugs, oberhalb der Brücke, die den Bewohnern des Tempels als Andachtsraum diente.
Einige hundert Meter über ihnen schwebten zwei der Kampfschiffe, mit denen Odana und ihre Krieger hier angekommen waren. Sie verharrten reglos in der Höhe und sicherten den Tempel.
Okon Durakay stand etwas abseits, bewacht von vier Soldaten. Dem beleibten Akkato sprühte der Zorn aus den Augen, während er die Admiralin beobachtete. Davis hätte gerne gewusst, welche Flüche und Verwünschungen der einflussreiche Mönch gerade in Gedanken Formulierte, um Otayn zu bewegen, die verbrecherische Frau mit einem Blitzschlag niederzustrecken.
Odanas Interesse galt jedoch mehr der Keymonkralle, die sich in einigen Kilometern Entfernung aus dem Wüstensand erhob und in der Sonne funkelte. Unschwer zu erraten, dass Odana das feindliche Schiff als eine Bedrohung ansah, auch wenn es funktionsuntüchtig war. Oder entging Davis gerade ein wesentlicher Aspekt?
Unvermittelt richtete Odana ihre Aufmerksamkeit auf Davis. Aus irgendeinem Grund schien sie verärgert zu sein, obwohl doch alles zu ihrer Zufriedenheit gelaufen war.
„Sie zwei sind nur noch am Leben“, knurrte die Akkato Davis an, „weil ich von ihnen beiden Antworten haben möchte. Sie und ihr dubioser Kumpel wären schon längst Madenspeise, würden sie nicht zu Porters Gruppe gehören.“
„Wir sind immer bereit zu kooperieren“, antwortete Davis. „Aber ich habe nicht auf alles eine Antwort.“
„Das sollten Sie aber, sonst sind Sie nutzlos.“ Zira Odana deutete mit einem Kopfnicken in Richtung des Keymonschiffes. „Sie waren dabei, als Porter damals an Bord der Kralle ging.“
„Nein“, bekannte Davis und überlegte, ob es nicht besser gewesen wäre, zu behaupten, Porter in diesem Gefecht unterstützt zu haben.
„Aber Sie sind gut befreundet mit ihm.“
„So kann man sagen.“
Odana widmete Skorsky einen geflissentlichen Blick, als könne sie an dessen Miene ablesen, ob Davis log. Offenbar hatte sich Skorsky gut unter Kontrolle, denn Odana nahm Davis seine Lüge ab.
„Was hat Porter Ihnen über den Kampf in der Kralle erzählt?“
„Nicht mehr als das, was er allen erzählt hat. Er prahlt nicht gerne mit seinen Erfolgen. Wir alle schätzen seine Bescheidenheit.“
„Womöglich war seine Rolle an der Sache geringer als die meisten glauben.“
„Ich denke, er hat uns alle gerettet. Sie mit eingeschlossen.“
Odana wendete sich ab und ließ ihren Blick erneut zum Schiff der Käfer hinüberschweifen. Nach einigen Sekunden fuhr sie herum und fixierte Davis mit skeptischem Gesichtsausdruck.
„Das Schiff ist noch lebendig“, behauptete sie. „Der Lenker ist nicht tot. So wie es aussieht, hat Porter sein selbstgestecktes Ziel nicht erreicht und konnte den Lenker nicht besiegen. Womöglich hat er ihn nur verletzt. Warum hat er uns und seine Freunde belogen?“
„Aber warum haben die Keymon das Schiff dann nicht geborgen und den Lenker gerettet?“, wunderte sich Davis.
Odana stemmte die Fäuste in die Hüften. „Porter hat gewiss eine Antwort darauf. Fragen Sie ihn! Ich will Einzelheiten.“
Davis begann zu verstehen. Der Keymon-Lenker war gewiss tot. Darum hatten die Käfer auch kein Interesse an der Kralle. Aber was hielt sie davon ab, das Ding einfach zu zerstören? Davis maßte sich nicht an, die Denkweise insektoider Lebewesen zu verstehen. Ihrer Handlungsweisen lagen ganz sicher Motive zugrunde denen weder Mensch noch Akkato folgen konnten.
„Jedes Keymonschiff benötigt einen lebendigen Lenker“, überlegte Davis laut. „Aber es muss nicht zwingend ein Keymon sein.“
Odana verfolgte ganz offensichtlich eine ähnliche Spur. „Ich würde das nicht ausschließen. Deshalb hoffte ich, Porter hätte Ihnen etwas darüber erzählt.“
„Wenn Ihnen das Schiff Unbehagen bereitet, warum bombardieren Sie es nicht und löschen es aus.“
„Ich hätte es getan.“
„Niemand hält Sie nun davon ab, es jetzt zu tun.“
Davis wurde klar, dass es einen vitalen Zusammenhang zwischen dem Tempel und der Kralle gab, den man nicht zerstören wollte. Es musste etwas mit dem Grundstoff für das Baxa zu tun haben.
Odana stach mit ihrem Zeigefinger auf Davis Brust ein. „Porter ist mit seiner Einheit verschwunden. Ich wette, Sie wissen, wohin er wollte.“
Davis zögerte. „Ich hinterfrage nicht jede seiner Absichten.“
Odana gab sich überrascht. „Tatsächlich?“
„So läuft Freundschaft bei uns Menschen“, fuhr Davis fort. „Ich dachte, das wüssten Sie?“
„Irgendwie passen Sie und Porter nicht zusammen.“
„Wir gehören unterschiedlichen Generationen an. Er ist leidenschaftlich. Ich bin rational und abgeklärt. Das ist den Lebensjahren geschuldet. Aber ich will gerne fragen, was ihn dazu gebracht hat, eine Sondermission zu leiten.“
„Sie alle bewegen sich auf dünnem Eis. Es ist Porters Ruf, der ihn und seine Anhänger unantastbar macht. Aber die Sache kann sich sehr schnell ändern und wird zu Chaos und Blutvergießen führen. Das passiert immer, wenn sich Hoffnungen und Erwartungen nicht erfüllen, die man an einen Glauben knüpft.“
Davis spielte Entrüstung vor. „Sie glauben also nicht an den Neuen Zweig?“
„Ich erkenne die Rolle an, die er gegenwärtig spielt. Ich will es mir nicht mit Porter verderben und jemanden töten, mit dem er eventuell befreundet ist. Auch wenn es sich um einen Keymon handelt.“
„Porter ist kein Verräter, der Freunde unter den Feinden hat.“
„Finden Sie heraus, was damals passiert ist. Und wer jetzt die Kralle mit Kraft versorgt.“
Ein Offizier trat mit besorgtem Gesicht an Odana heran. „Es gibt Probleme.“
Kaum hatte er es ausgesprochen, erschütterte eine Explosion den Boden unter ihren Füssen. Ein Energieblitz leuchtete auf und eines von Odanas Kampfschiffen stürzte vom Himmel. Das andere versuchte ein Ausweichmanöver, wurde aber von etlichen Raketen getroffen und verging in einer grellen Detonation.
„Koru ta ras!(FN Entspricht: „Was zur Hölle?“ Koru (Hölle)FN)“, fluchte Odana und eilte aus dem Garten, gefolgt von ihren Offizieren.
Die Wachleute schoben Durakay vor sich her. Der Priester widmete Davis einen mürrischen Blick.
„Wie konnten Sie es wagen, diese Frau hierher zu bringen?“, zischte er.
„Mit etwas Glück“, flüsterte Davis, „sind Sie sie bald wieder los.“
„Deine Mutter hat sich mit einem Skorpion gepaart“, bemerkte Durakay mit entsetztem Erstaunen.
„Das hat mir immer die Haut gerettet.“

Andreas

Allan J. Stark geb. 25. 01. 1968

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