Cristanna Taroo und Tamien Magua.

Tamien Magua saß schon eine Weile auf einer kleinen Kiste und sah den Soldaten zu, wie sie sich bereit machten, den Hangar zu verlassen. Sie schleppten alles, was sie noch gebrauchen konnten, in das Fluchtschiff. Ein klobiger Transporter, mit mächtigen Triebwerken, der eine Menge Material und kleines Gerät an Bord nehmen konnte. Mortimer Keen, einer der leitenden Offiziere, die damit betraut waren, den imperialen Sprungpunkt von Sculpa Trax zu räumen, kam auf Magua zu.
„Sie wollen wirklich hier warten?“, fragte er den Agenten und legte den Kopf schief, als könne er nicht glauben, das jemand so verrückt war. „Sie werden bald ganz allein sein, und wenn der Sprungpunkt angegriffen wird, kann Ihnen niemand mehr helfen. Man wird ihn in Stücke schießen.“
Magua wusste, dass der Sprungpunkt nicht der Zerstörung anheim fallen würde. Er war zu gewaltig und zu wichtig. Allein die Gerätschaften, die man erbeuten konnte, stellten ein Vermögen dar. Ghost wusste das und Zeelona Bonathoo ebenfalls. Davon abgesehen gehörte es zur Vereinbarung mit der Piratenkönigin, dass der Sprungpunkt erhalten blieb. Er war für den weiteren Verlauf der ganzen Operation notwendig. Umso mehr wunderte es Magua, dass man ihn jetzt so eilig aufgab.
„Sie lassen keine Staffel hier, um den Stützpunkt wenigstens gegen kleinere Attacken zu sichern?“
Magua konnte es nicht glauben. Er sah zu, wie gerade ein Container mit Energiepatronen für die großen Geschütze in den Transporter geladen wurde. Die Station verfügte über genügend Verteidigungsanlagen, und ein, zwei Zerstörer würden ausreichen, um im Feuerschutz der Kanonen jeden Angriff zurückzuschlagen.
„Sie haben alle Einheiten abgezogen?“, erkundigte sich Magua erneut. „Ich verstehe das nicht.“
„Ich habe Befehl, alles von hier abzuziehen.“ Der kleine Offizier blickte sich ein wenig hilflos um. Er schien es selbst nicht ganz zu begreifen. Schließlich war Sculpa Trax nicht weniger wichtig als andere Alphawelten. Im Gegenteil.
„Was vermuten Sie?“
Mortimer Keen sah Magua fragend an. Er sah so aus, als hätte er die Worte nicht richtige verstanden.
„Was denken Sie, steckt dahinter?“, fragte Magua nachdrücklicher.
„Es steht mir nicht zu, diese Aktion in Frage zu stellen.“
Magua lachte abfällig. Das war die typische Antwort eines Befehlsempfängers. Oder die eines Mannes, der sich seine Gedanken gemacht hatte, sich aber nicht in Schwierigkeiten bringen wollte „Das habe ich auch nicht gemeint“, winkte er ab.
In diesem Augenblick flog ein kleines schwarzes Schiff in den Hangar. Es war kaum größer als ein Einmannjäger. Das musste der Verbindungsoffizier sein, auf den Magua wartete und er kam in einem der geheimen Prototypen an, die nur selten eingesetzt wurden. Das Schiff glänzte matt, und anders als die gewöhnlichen Fahrzeuge, gaben diese Maschinen nicht den leisesten Ton von sich. Lautlos glitt es heran.
Keen wunderte sich ganz offensichtlich über das fremdartige Schiff. Wäre es nicht mit imperialen Symbolen verziert gewesen, hätte er es bestimmt für ein feindliches Fahrzeug gehalten und Alarm geschlagen. Offenbar war es nicht mehr notwendig, die Geheimhaltung aufrecht zu erhalten. Magua vermutete, dass man sie gerade überall in Asgaroon zum Einsatz brachte. Die Lage musste mehr als schwierig sein, wenn sich der Kaiser zu diesem Schritt entschieden hatte.
„Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet“, hakte Magua nach. „Ich will nur ihre Einschätzung wissen. Sie müssen den Befehl nicht nach seinem Sinn beurteilen. Warum diese Flucht?“
„Ich weiß wirklich nicht viel darüber.“ Es hörte sich wie eine Entschuldigung an. „Ich habe allerdings erfahren, dass wir einer Flotteneinheit zugeteilt werden, die Astorat verteidigen soll. Astorat ist eines der bedeutenden Industriesysteme, wie Sie bestimmt wissen.“
Magua nickte. Diese Fakten waren jedem Offizier bekannt.
„Eigentlich gibt es dort genügend Schiffe, um einen großen Angriff zurückzuschlagen. Die Unternehmen beschäftigten zudem Söldner, um die Anlagen zu sichern. Daher nehme ich an, dass wir dort auf mächtige Feindverbände treffen werden.“
Mächtige Feindverbände, wiederholte Magua im Gedanken. Konnte es sein, dass man Ghost und seine Möglichkeiten unterschätzt hatte? Oder spielten die Piraten eine Rolle dabei? Hatten sie den Kaiser irgendwie hintergangen? An Sargon wollte er nicht glauben. Er hielt das Ganze für Humbug und für einen großen Schwindel, den ein paar Sektierer inszenierten.
„Sie können sich uns anschließen“, erklärte Keen. „Mit ihrem Schiff werden sie nicht weit kommen. Aber unser Transporter hat noch Platz.“
„Ich bleibe.“
Keen schien zu begreifen, und warf einen Blick auf das kleine, fremdartige Raumschiff, das gerade aufsetzte. Er legte die Finger an seine Schläfe. „So hat jeder seine Befehle. Ich wünsche Ihnen Glück.“
Fast im gleichen Moment zündeten die Triebwerke des Transporters. Keen eilte eine kurze Rampe hinauf und verschwand im Inneren des Schiffes. Die letzten Container wurden verladen und die Luken verschlossen.
Christanna Taroo war aus dem kleinen Raumschiff gestiegen. Die Frau trug eine makellose, schwarze Uniform mit goldenen Abzeichen, die über ihren hohen Rang Auskunft gaben. Magua kannte sie seit Jahren. Früher war er ihr Vorgesetzter gewesen, aber ihm war schon sehr bald klar geworden, dass dieses ehrgeizige Mädchen ihn bald überholt haben würde. Sie war intelligent und kannte keine Skrupel. Sie besaß einen freizügigen Charakter, hatte einen Hang zum Sadismus und die Bereitschaft, ihre moralische Unempfindlichkeit zum Wohl ihrer Karriere einzusetzen. Mit aufreizendem Gang kam sie näher, baute sich breitbeinig vor Magua auf.
„Christanna“, sagte Magua und erhob sich von der Kiste, auf der er saß. „Schön dich zu sehen.“
„Ich bezweifle deine Aufrichtigkeit, Tam.“ Sie sah zu, wie der Transporter seine Hebefelder aktivierte und zu schweben begann. Das Dröhnen der Motoren war ohrenbetäubend, als er aus dem Hangar flog, vor den leuchtenden Sternen eine Kurve beschrieb und aus ihrem Blickfeld verschwand.
„Was gibt es für neue Befehle?“ Magua wunderte sich darüber, warum sie darauf bestanden hatte, ihn persönlich zu treffen. Die Funkverbindungen, die der ISD, benutzte, waren sehr sicher. Christanna hätte ihn gefahrlos kontaktieren können.
„Es gibt unzählige neue Befehle“, meinte sie mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Weil sich gerade alles auf den Kopf stellt.“
„Der Transporter.“ Er deutete hinaus. „Er ist unterwegs nach Astorat. Dort scheint es massive Probleme zu geben. Wie ist das möglich? Oder sollte ich fragen: Warum ist das nötig?“ Christanna war mit Sicherheit bestens informiert. Er kannte sie sehr gut und wusste, dass keine noch so schlechte Nachricht sie aus der Ruhe zu bringen vermochte.
„Hast du geahnt, dass die verdammten Fayroo Garnisonen sind?“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
Magua war tatsächlich überrascht. „Garnisonen?“
„Sie sind voll einsatzfähig und spucken eine Menge seltsames Zeug aus, das äußerst aggressiv ist.“
„Scutra hat neun Tore.“
„Deswegen geben wir dieses System auf. Wir müssen Vanetha sichern.“ Sie holte etwas aus ihrer Brusttasche hervor. Es handelte sich um drei kleine Kugeln, die vielfarbig auf ihrer Handfläche schimmerten. „Sie sollen dafür sorgen, dass Zeelona den Planeten nicht verlässt. Du bleibst so lange bei ihr, bis andere Befehle eintreffen.“
„Wie soll ich Zeelona davon abhalten?“
„Du fängst mit der Sacura an“, befahl Christanna und steckte die Hand aus. Winzige Insektenbeine und durchscheinende, filigrane Flügel schoben sich aus den kleinen Kugeln. „Die Babys hier haben es wirklich in sich“, bemerkte sie amüsiert, als sich die kleinen Maschinen summend in die Luft erhoben. Sie vollzogen ein paar rasante Flugmanöver, kehrten schließlich auf ihre Hand zurück und verwandelten sich wieder in schillernde Kugeln. „Witzige, tödliche Spielzeuge aus den Werkstätten der Technopriester. Jedes der Dinger ist so teuer wie eine komplett ausgerüstete Fregatte.“
Magua staunte. Der Preis konnte sich jedoch nicht auf die faszinierende, aber dennoch gewöhnliche Käferbionik beziehen. Solche Spielereien gab es zur Genüge, wenn auch nicht unbedingt in diesem winzigen Format.
„Was sie so teuer macht“, erklärte Christanna Taroo, „ist ihr explosiver Inhalt. Der Sprengstoff ist etwas Besonderes. Eines der kleinen Käferchen genügt, um ein gutes Drittel dieses Hangars hier zu zerstören. Für einen Spezialisten wie dich dürfte es ein Leichtes sein, die Ladungen so zu platzieren, dass die Sacura am Boden bleibt.“
Sie reichte ihm die kleinen Sprengsätze und Magua wog sie in der Hand. Sie besaßen fast kein Gewicht. Es fiel schwer, sich vorzustellen, sie könnten überhaupt irgendeinen Schaden anrichten. Allerdings behagte es ihm nicht, Zeelona in den Rücken zu fallen.
„Warum das Ganze?“, wollte er wissen. „Warum hat sich der Kaiser entschlossen, unsere Verbündeten zu verraten?“
„Der Kaiser hatte diese Option schon immer im Hinterkopf.“ Christanna hatte ihre Eiseskälte zurückgewonnen. „Eigentlich will ich es nicht Option nennen. Die Sache stand doch schon fest. Warum sich die Gelegenheit entgehen lassen, wenn der ganze Abschaum so dicht beisammenhockt.“
„Und Sargon soll ihnen der Rest geben.“
„Wenn dann überhaupt noch etwas von den Piraten übrig ist. Nach deiner letzten Meldung zu urteilen, gibt es erhebliche Reibereien unter dem Gesindel. Wenn du dich nicht beeilst, hast du womöglich bald kein Angriffsziel mehr, um die kleinen Dinger auszuprobieren.“ Ihr Blick richtete sich auf die Kugeln, die er nachdenklich in seiner Hand wog. „Es interessiert dich doch bestimmt, zu sehen, wie diese Winzlinge ihre Arbeit machen, oder nicht?“
Es interessierte ihn tatsächlich sehr. „Wie setzt man sie ein?“
„Das ist sehr einfach“, sagte sie. „Steck die Dinger in das Torpedorohr deines Jägers. Sobald du die Zieloptik aktiviert hast, sind die Käfer in Bereitschaft. Du markierst die Stellen an der Sacura und öffnest anschließend die Verschlusskappe des Torpedowerfers. Die Babys machen sich dann sofort auf den Weg. Um den Zeitpunkt der Detonationen musst du dir keine Gedanken machen. Die ist voreingestellt.“
„Darf ich erfahren, wann die Sprengsätze hochgehen?“
„Nein!“, widersprach die Agentin. „Deine Überraschung soll echt wirken.“ Sie grinste sardonisch.
Die attraktive Frau war eine Teufelin. Schön und gefährlich wie eine vergiftete Libeaner-Klinge. Magua lächelte gequält. „Das sind genau die Spielchen, für die unser guter Fedor so bekannt ist.“
„In mir hat er eine perfekte Partnerin und Quelle der Inspiration gefunden. Wir haben viel Spaß miteinander.“
Magua zweifelte keine Sekunde daran, dass sich in Fedor Bolando und Christanna Taroo zwei ebenbürtige Charaktere gefunden hatten.
„Sie haben Ihre Befehle, Soldat“, sagte Christanna knapp, kehrte in das Cockpit ihres Schiffes zurück und flog davon.
Magua gelang es, unbehelligt nach Sculpa Trax zurückzukehren. Er steuerte auf die Sacura zu, die wie ein Berg aus Metall über die Landefelder, nahe des Verwaltungsturmes im Falthureasektor emporragte. Maguas Hände schwitzten, während er den Steuerknüppel hielt und das Visiersystem aktivierte. Er flog eine weite Schleife um das Piratenschiff, markierte drei Stellen an dessen Rumpf und öffnete die Verschlusskappe des Torpedorohres. Er sah, wie die winzigen bionischen Maschinen davonschwebten. Für einen Moment glitzerten ihre Flügel im Sonnenlicht, dann waren sie verschwunden.

Andreas

Allan J. Stark geb. 25. 01. 1968

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