Leseprobe NOMADS 12 – Gesprengte Ketten

Kapitel 1
4593 u. Z.

Serwan Brooks hatte viele Hebel in Bewegung setzen müssen, um die Spionagemission durchsetzen zu können, die ihn nach Barathan führte. Ulan Mestray war zuerst dagegen. Erst als Brooks Zurak Mestray, den ältesten, legitimen Sohn des Fürsten von der Wichtigkeit dieser Mission überzeugte, willigte dessen Vater ein. Damals unterstützte der Fürst die Ambitionen seiner Söhne, der darin noch keine bösen Absichten erkannte und es begrüßte, dass Zurak mehr Verantwortung übernehmen wollte.
Barathan war vor langer Zeit an die Keymon gefallen, die dort jedoch kaum Stützpunkte errichteten, um die Welt in ihr Reich zu integrieren. Eine Kolonisierung im eigentlichen Sinne fand nicht statt. Außer einigen Linienschiffen, die durch das Sternsystem patrouillierten, schienen sie sich damit zu begnügen, den Planeten sich selbst zu überlassen und die Genungtung zu genießen, ihn den Pferdeköpfen abgeluchst zu haben. Auch die Akkato zeigten kein Interesse daran, Barathan zurückzuerobern, obwohl er eine gewisse geschichtliche Bedeutung für die Pferdeköpfe besaß. Ein Grund, der für eine militärische Operation offenbar nicht ausreichte. Es lag wohl am Mangel an Bodenschätzen, die den Planeten uninteressant machten.
Dennoch. Es gab dort etwas, das Serwan Viktor Meres, Brooks Vorgänger gleicherweise zu beunruhigen, wie zu faszinieren schien. Für Brooks war es unübersehbar, dass Meres irgendeine Last mit sich herumtrug, über die er zwar zu sprechen versuchte, es aber nicht fertigbrachte, außer rätselhaften Bemerkungen, einen sinnvollen Satz zu formulieren. Erst als Brooks die persönlichen Unterlagen seines verstorbenen Vorgängers in einer Schatulle übergeben wurden, fand er einem Briefumschlag, der Brooks Namen trug. Darin ein kurzes Schriftstück, das Aufschluss über das Rätsel gab, das Viktor Meres beschäftigte.

Mein lieber Arthur.

Ich will dir hiermit darlegen, was meine Gedanken unaufhörlich beschäftigt. Mir ist bewusst, dass du mit meinen Antworten nicht zufrieden sein konntest, aber ich bin zu alt, um meine Erkenntnisse zu enthüllen und die Erschütterungen, die sie im Verständnis unseres Daseins als Menschheit auslösen könnten. Ich habe mich entschlossen, diese Bürde alleine zu tragen und niemanden sonst damit zu belasten, solange ich lebe. Mir ist es gleich, ob du es als Feigheit auslegst. Vermutlich ist es so.
Marak Zakoona hat mich in diese Geheimnisse eingeweiht. Wie in den meisten Kulturen bewahren Priester ein Wissen, dass viele für zu gefährlich oder zu unwichtig halten. Er meinte, es stünde uns Menschen zu, eine Wahrheit zu erfahren, die der Rest der Galaxis schon längst vergessen hat, die aber durchaus noch lebendig ist und in der Menschheit fortlebt. Ich selbst konnte mich nicht auf die Reise machen. Dazu fehlte mir stets der Mut. Zakoona hat mir viele Informationen zukommen lassen. Der Oponiring ist ein Schlüssel, der dir die Geheimnisse des Kadaj offenlegen wird. Der Form nach ein Siegelring mit einem Sternsymbol in der Mitte. Er ist das Einzige, das mir Zakoona hat zukommen lassen. Ich verstehe die Vorsicht des alten Sonderlings, sich nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Er hat sich ohnehin schon weit aus dem Fenster gelehnt.
Mit meinen Aufzeichnungen und Notizen, die du ebenfalls in der Schatulle finden wirst, sollte es möglich sein, an die Stelle des Kadaj zu gelangen, wo du ihn benützen kannst.
Ich hoffe oder befürchte, dass du Tatsachen finden wirst, die unsere Geschichte in einem völlig neuen Licht erscheinen lassen. Ob gut oder böse. Es wird die Wahrheit sein. Wahrheit und Erleuchtung in jedem Fall besser als Unwissenheit und Täuschung.

Brooks fragte sich, ob das alles nur der wirren Fantasie eines alten Mannes entsprach, oder ob ihm am Ende tatsächlich eine atemberaubende Offenbarung zuteilwürde. Zum Umkehren war es nun zu spät. Das kleine Kurierschiff mit seinem schnellen Antrieb, den starken Schilden und seiner harten Panzerung, stürzte der Oberfläche Barathans entgegen.
Burik Mindako gehörte zu den besten Piloten in Zuraks Flotte. Er steuerte das Schiff direkt auf den Kadaj zu, nachdem es in der Nähe des Planeten aus dem den Hyperraum gefallen war.
Brooks krallte die Finger in die Armlehnen seines Sessels direkt hinter dem des Piloten, während sie der dunklen, in Nachtschatten gehüllten Oberfläche Barathans entgegenstürzten. Der Mond legte einen fahlen, blauen Schimmer auf die Wolkenberge über dem Ozean und der Küste, an welcher sich der Kadaj erhob. Der Serwan konnte zwischen den Wolkenlücken das Meer glitzern sehen und die dunkle Landmasse eines Kontinentes.
Die Atmosphäre traf auf die Schilde. Blaue Lichterscheinungen hüllten den Bug ein. Turbulenzen rüttelten das Schiff durch. Brooks wurde flau im Magen, während Mindako unerklärlicherweise ganz gelassen schien. Wie konnte das sein, angesichts der Tatsache, dass sie gerade wie ein brennender Meteor vom Himmel fielen? Der Kadaj kam in Sicht, da fühlte Brooks, wie ihn ein unsichtbares Feld in den Sitz presste. Im nächsten Moment zündete der Pilot die Bremsaggregate. Die Geschwindigkeit verringerte sich zwar, aber sie war Brooks noch immer zu hoch. Der Schrei des Entsetzens blieb ihm in der Kehle stecken, als sie durch das künstliche Astwerk des Gebäudes schossen, hinein in einen dunklen Schacht im Zentrum des Stammes.
Endlich verringerte sich das Tempo. Die Umklammerung des Kraftfeldes verlor an Stärke. Das Dröhnen der Luftwirbel war verklungen. Nur noch das Summen des Schwebeantriebs erfüllte Brooks Ohren.
„Ich muss einen Platz zum Aufsetzen suchen“, polterte der Akkato am Steuer und schaltete die Suchscheinwerfer an.
In den grellen Lichtkegeln sah Brooks eine schier endlose Reihe von Ebenen und Stockwerken, in denen allerlei Objekte unterschiedlichster Größe herumstanden.
„Wir müssen bis fast auf den Grund“, erklärte Brooks. „Da müsste eine Brücke kommen. Da müssen wir hin.“
„Ich sehe die Brücke“, verkündete der Akkato nach einer Weile und deutete auf einen Steg, der den Schacht von einer Seite zur anderen überspannte.
Das Schiff setzte auf. Brooks gönnte sich einige Momente, um den Höllenritt und den Abstieg in diesen dunklen Abgrund zu verarbeiten, die sie gerade hinter sich gebracht hatten. Mindako aber zeigte sich unternehmungslustig, erhob sich aus seinem Sitz und stampfte an Brooks vorbei zum Heck des Fahrzeuges. Beiläufig angelte er sich eines der Gewehre aus der Wandhalterung, öffnete die Luke und trat ins Freie.
„Haben Sie keine Lust mehr, sich umzusehen?“, erkundigte sich der Akkato mit kehligem Dialekt und warf ein paar Leuchtkapseln aus, die mit ihrem grünen Licht die Umgebung erhellten.
Brooks löste die Gurte, verfluchte die Pfunde, die er in den letzten Jahren zugelegt hatte, und stemmte sich aus dem Sessel. „Ich bin gleich bei Ihnen.“
Der Serwan nahm sich ebenfalls ein Gewehr, das für menschliche Hände geeignet war und verlies das Schiff. Die Luft war kühl und stickig. Staub und Sand bedeckte den Boden. Im Licht seiner Handlampe zog Brooks ein paar Notizzettel hervor und studierte die Zeichnungen darauf. Die auffällige Säule im Zentrum des Schachtes spielte darin eine wichtige Rolle. Der Serwan holte den silbernen Oponiring aus der Innentasche seiner Jacke.
„Mal sehen, ob das funktioniert“, meinte er skeptisch und ging auf die Säule zu.
Während er das tat, gingen ihm Zweifel durch den Kopf, ob es sich bei der ganzen lebensgefährlichen Aktion nicht um eine Dummheit handelte. Einer albernen Sehnsucht, die dem Wunsch entsprang ein bedeutendes Geheimnis zu lüften. Kindliche abenteuer und Entdeckerlust.
Er richtete die Lampe auf die Säule, die aus einem grauen, glänzenden Metall bestand. Schriftzeichen und Gravuren liefen über ihre Oberfläche. Es handelte sich um Oponibuchstaben und Symbole. Hier und da glaubte er, Sensortasten und Schalter zu erkennen. Eine Konsole folgerte Brooks und der Ring war wohl der Schlüssel für den Hauptschalter. Anders als man es erzählte, handelte es sich beim Kadaj um eine Schöpfung der Oponi und nicht der Akkato.
Der Serwan umrundete die Säule und fand in Brusthöhe eine Vertiefung, in die das Oval des Siegelringes zu passen schien. Der Hauptschalter. Brooks konnte sich ein spöttisches Grinsen nicht verbieten. Wenn er die Stempelfläche in die Vertiefung drückte, würde gewiss gar nichts passieren. Er kannte unzählige Geschichten von Schatzsuchern, die in Sümpfen, Wüsten oder Dschungeln verschwanden, ohne je ihr Eldorado oder den Jungbrunnen zu entdecken. Im Moment glaubte er, in ihren Fußstapfen zu wandeln. Auf der Suche nach Hirngespinsten in uralten Ruinen, die nichts weiter darstellen als bedeutungslose Steinhaufen an vergessenen Orten. Brooks stellte sich auf ein ernüchterndes Ergebnis ein und presste den Stempel des Siegelringes in die Öffnung.
Nur einen Augenblick später begannen einige Lämpchen an der Konsole aufzuleuchten. Der Boden unter Brooks Stiefeln vibrierte. Dann flammten Lichter in den Etagen auf.
Brooks legte den Kopf in den Nacken und sah hinauf. „Na das nenne ich mal eine Überraschung.“
„Was suchen wir hier eigentlich?“, verlangte Mindako zu erfahren.
„Ich weiß es noch nicht. Antworten. Ich suche Antworten auf Fragen, die ich noch nicht gestellt habe.“
Der Serwan erntete den verständnislosen Blick des Pferdeschädels. Er nahm es ihm nicht übel. Zur Stunde war auch er noch völlig ratlos.
Brooks eilte zu den Stufen, die den Boden des Kadaj trichterförmig einfassten, und stieg eine Etage hinauf. Hier fand er gläserne Schaukästen und Wandnischen, gefüllt mit Artefakten von unzähligen Welten. Er ging weiter und wurde den Eindruck nicht los, sich in einem Museum oder einem Archiv zu bewegen. Schwer zu sagen, was Meres oder der alte Marak Zakoona in die Sammlung der Oponi hineininterpretierten. Es gab ein Hologramm, dass einen reptilienartigen Krieger zeigte, der ein paar Kampfbewegungen mit einem Messer vollführte. Statuen mit fremdartigen Kreaturen in prächtiger Kleidung.
Erwartete Meres allen Ernstes, er solle seine Lebenszeit mit dem Durchstöbern zahlloser Stockwerke eines überdimensionierten Museums zubringen?
Ein Brüllen hallte durch den Kadaj, dessen Echo viele Male von den Wänden widerhallte.
„Viel Zeit haben wir nicht“, bemerkte der Akkato. „Die Keymon haben ihre Seuche zurückgelassen. Die werden bald hier sein.“
Brooks beurteilte die Lage ähnlich. „Ich will mir nur diese Etage ansehen. Dann fliegen wir wieder ab.“
Der Akkato brummte widerwillig und sah nach oben. „Beeilen wir uns.“
Brooks beschleunigte seine Schritte und eilte an der Galerie von Aliens, Waffen, Statuen und Bildern vorüber. Der Durchmesser des Schachtes betrug gut zweihundert Meter. Dementsprechend groß nahm sich die Ausstellungsfläche, und die Strecke aus, die sie zurückzulegen hatten. Zwischendrin öffneten sich Korridore, die weiter in den Kadaj hineinführten. Auch hier gab es zahllose Nischen und Abteile, in denen es ungewöhnliche Relikte zu entdecken gab. Eine beachtliche Fläche, um etwas Bestimmtes zu finden.

Allan J. Stark

Allan J. Stark geb. 25. 01. 1968

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