Leseprobe NOMADS 12


„Du musst dich nicht verstümmeln lassen, um mich zu beeindrucken“, meinte Ramona Jablonski, als Zyrus aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte. „Um dich gleich zu beruhigen. Ja, du bist ein Held. Hast zwei Franks getötet und eine Mutter samt ihrem Kind gerettet.“
Zyrus war noch nicht im Stande, die Informationen zu verarbeiten. Noch zogen grässliche Albtraumgestalten durch seinen Geist und ihr grauenhaftes Geheul hallte in seinen Ohren. Er fühlte den gewohnten Druck der Manschette an seinem Arm, die ihn mit Schmerzmitteln versorgte. Er sah sich um. Diesmal befand er sich nicht in Ramonas komfortablen Haus, sondern in der nüchternen Versorgungsnische einer Krankenstation.
„Es ist seltsam“, flüsterte er. „Immer wenn ich einer interessanten Frau begegne, bin ich in Einzelteile zerlegt. Wie lange war ich weggetreten?“
„Zwei Tage“, informierte Ramona. „In den ersten Stunden sah es kritisch aus, aber anscheinend hast du noch eine Bestimmung zu erfüllen, ehe du abtrittst.“
„Meine Bestimmung ist es, zuerst noch mal gut zu Essen, zu trinken und Liebe zu machen, bevor ich das Zeitliche segne.“
„Ich meine das durchaus ernst“, erklärte Ramona Jablonski. „Es ist das Erbe meines gläubigen Vaters. Er ist ständig dabei nach Omen auszuschauen, oder nach dem Heiligen Geist.“
Zyrus glaubte nicht an Bestimmung, Omen oder eine höhere Macht, die seine Schritte leitete, aber er konnte dem Gedanken durchaus etwas abgewinnen. „Meine Bestimmung ist es, ein Bündnis zu schmieden.“
„Du hast gesehen, mit wem wir es zu tun haben. Kann Blake die Festung zerstören, verbliebene Franks töten und dem Spuk ein Ende machen?“
„Ich bin sehr zuversichtlich“, behauptete Zyus und lehnte sich damit weit aus dem Fenster. Noch hatte Blake kein Schiff der Akkato angegriffen und was die Menge von Franks anging, die danach noch übrig waren und Probleme machen konnten, war unbekannt.
„Dann sag ihm, dass er Verbündete gefunden hat.“
„Gebt mir einen Sender und ich informiere ihn.“
„Kein Problem. Kannst du aufstehen?“
Zyrus verließ mühevoll sein Bett und schleppte sich, gestützt von Ramonas Bruder aus der Krankenstation. Eingehüllt in einen hautengen Suspensionsanzug, der sich jetzt fester an seinen Köper schmiegte, humpelte er über den Waldboden, hinein in den Kommandostand. Dort setzte man Zyrus an einen Sender. Er schaltete die Logbuchfunktion ab, wählte die geheime Frequenz und fügte seine Agentenkennung hinzu.
„Basis eins. Haben Sie Empfang?“, fragte Zyrus in das Mikrofon. „Basis eins, können Sie hören?“
Als Antwort kam ein Summton.
„Ich habe eine Anfrage auf Zusammenarbeit.“
„Welcher Art?“, fragte die elektronische Stimme.
„Militärisch und logistisch.“
„Ich leite es weiter.“
Eine Weile herrschte Schweigen. Schließlich meldete sich Blakes Basis zurück. Die tonlose Stimme schnarrte aus dem Lautsprecher. „Sind Sie autorisiert mit uns zu verhandeln?“
Ramona Jablonski schob Zyrus beiseite. „Er nicht. Aber ich und mein Bruder.“
„Wer sind Sie?“
„Ramona und Pavel Jablonski. Ihr Boss, Admiral Blake, kannte unseren Vater. Dallas Jablonski.“
Wiederum entstand eine längere Pause. Sie dauerte so lange, dass Zyrus meinte, der Kontakt wäre abgerissen bis endlich eine Antwort kam. „Wir werden verhandeln.“
„Das ist jetzt Eure Angelegenheit.“
Zwei Soldaten brachten Zyrus zurück auf die Krankenstation. In einer Versorgungsnische, direkt neben der seinen, sah er eine junge Frau, die aufrecht auf ihrer Liege saß. Neben ihr ein kleines Mädchen in einem großen, bequemen Sessel, das eine Stoffpuppe in den Händen hielt.
Das Kind deutete auf Zyrus. „Das ist der Mann, der uns gerettet hat.“
Zyrus fühle sich zu erschöpft, sich mit den beiden zu unterhalten, und wollte sich ausruhen. Er zog die Decke hoch bis zur Brust und sah zu, wie ihn eine medizinische Assistentin erneut an die Diffundiermanschette anschloss. Gleichzeitig entspannte sich der Suspensionsanzug.
Das kleine Mädchen zog den Vorhang beiseite, der die zwei Patienten voneinander trennte und stellte sich an Zyrus Bett. „Mamma schau.“
„Deine Mamma möchte sich bestimmt ausruhen“, konterte Zyrus.
„Nein. Schon gut“, sagte die brünette Frau deren Gesichtszüge etwas Hartes, und Verbittertes besaßen. „Ich möchte wissen, wer Sie sind.“
„Zyrus“, stellte er sich vor. „Zyrus Korren. Meine Freunde nennen mich Zy. Und Kombination mit meinem Nachnamen, Zyko. Viele denken, phonetisch entspräche es genau meinen charakterlichen Eigenschaften.“
„So kommen Sie mir aber nicht vor. Mein Name ist Karen Porter. Die Kleine ist Mary. Meine Tochter. Wir möchten uns bei Ihnen für unsere Rettung bedanken.“
„Das war selbstverständlich. Darüber hinaus bin ich müde und würde es vorziehen, zu schlafen.“
„Ich verstehe.“ Karen Porter nickte und winkte ihre Tochter zu sich. „Lass unseren Helden in Ruhe, Mary.“
Porter, überlegte Zyrus. Er hatte mal einen Kameraden dieses Namens gehabt, als er auf der Zora diente. Das schien ihm Ewigkeiten her. Auch wenn es unwahrscheinlich war, dass Karen mit Dominic Porter verwandt war, allein die Erinnerung an ihren Namensvetter bewirkte, dass Zyrus seine Worte bereute. „Nein. Schon gut. Ich möchte gerne wissen, woher Sie kommen, und was Sie erlebt haben.“
„Das haben Sie ja gesehen.“
„Ich meine davor. Was machen Sie, noch dazu mit einem Kind, in einer Gegend, in der es solche Monster gibt?“
„Wohin sollten wir gehen? In den meisten Städten herrschst Anarchie. Fledds und andere verrückte Gruppen treiben sich in den Wäldern herum. Überall große und kleine Warlords, die sich prügeln und jederzeit kann einem ein Raumschiff auf den Kopf fallen. Ok. Letzteres kommt nicht mehr so oft vor, aber die anderen Sachen sind weiterhin Realität. Und was diese Monster angeht, die sind erst seit Kurzem ein Problem.“
„Was haben Sie dann so weit außerhalb der Stadt gemacht?“
„Mein Mann und ich gehören zu den “Hawks“. Wir sind der Heimatschutz von Phoenix. Wir haben eine kleine Basis und leben dort, seit die Akkato aufgetaucht sind und die Stadt angegriffen haben. Von dort aus haben wir uns eine Zeit behaupten können, aber unsere Möglichkeiten. Wir warteten auf Unterstützung von den Jablonskis. Waffen, Material. Aber dazu kam es nicht mehr.“
„Wissen Sie, wo Ihr Mann jetzt ist?“
„Nein. Er war mit seinen Leuten unterwegs, um den Akkato eine Überraschung zu bereiten.“
„Ich denke, das haben wir gesehen. Er hat Erfolg gehabt, soviel kann ich Ihnen bestätigen.“
„Ben ist gut darin. Er hasst die Akkatos schon lange.“
„Gibt es einen Grund dafür?“
„Er hat seine Familie verloren, als sich die Käfer und die Pferdeschädel gestritten haben.“ Karen Porter runzelte die Stirn. „Wie lange sind Sie schon bei der Truppe?“
„Ich gehöre nicht zu der kleinen tapferen Armee hier.“
„So, wie Sie das sagen, klingt das etwas herablassend. Woher kommen Sie?“
Zyrus hätte ihr eine Lügengeschichte auftischen können, aber er entschloss sich dagegen. Irgendetwas verriet ihm, dass Karen seine Täuschungen durchschauen würde. „Ich gehöre zu einer einflussreichen Fraktion, die Verbündete sucht.“
Karen sah ihn kritisch und erwartungsvoll an. „Und wer ist das?“
„Jemand der genug Macht hat, etwas zu verändern.“
„Warum braucht er dann Unterstützer?“
„Es ist immer gut, Verbündete zu haben.“
„Verbündete machen Probleme.“
„Er hat größerer Pläne, um sich davon abhalten zu lassen.“
„Ein Herrscher also.“
Zyrus war zum ersten Mal sprachlos. Er hatte Blake nie als jemanden betrachtet, dem es um Macht ging. Der alte Admiral verfolgte strategische Überlegungen und befehligte eine ansehnliche Armee. Das alles hatte jedoch nichts mit Politik zu tun. Aber Karen hatte Recht. Wenn man die Sache bis zu Ende dachte, lief alles auf das Regieren und das Verteilen von Prfünden hinaus. Auf eine Neuordnung der Dinge.
„Wir werden sehen“, antwortete Zyrus etwas hilflos. „Es muss ich alles erst entwickeln, bis man sehen kann, wohin die Reise geht.“
„Dann ist es meist schon zu spät und man hat Schuld auf sich geladen.“
Karen sah Zyrus mitleidig an. Wie einen romantischen Helden, dessen Mut ebenso unbestreitbar war, wie seine Naivität.


English version:

„You don’t have to get mutilated to impress me,“ Ramona Jablonski said as Zyrus woke from his unconsciousness. „To put your mind at ease right away. Yes, you are a hero. Killed two Franks and saved a mother and her child.“
Zyrus was not yet able to process the information. Hideous nightmare creatures still tore through his mind and their horrible howls echoed in his ears. He felt the familiar pressure of the cuff on his arm, providing him with painkillers. He looked around. This time he was not in Ramona’s comfortable house, but in the sober supply niche of a hospital ward.
„It’s strange,“ he whispered. „Whenever I meet an interesting woman I’m in pieces. How long was I out?“
„Two days,“ Ramona informed her. „It looked critical for the first few hours, but apparently you have one more destiny to fulfill before you step down.“
„My destiny is to eat well, drink well, and make love well again before I pass on.“
„I am quite serious about this,“ Ramona Jablonski explained. „It’s my believing father’s legacy. He’s constantly looking out for omens, or the Holy Spirit.“
Zyrus didn’t believe in destiny, omens, or a higher power guiding his steps, but he could definitely appreciate the thought. „My destiny is to forge an alliance.“
„You saw who we’re up against. Can Blake destroy the fortress, kill any remaining Franks, and put an end to the haunting?“
„I’m very confident,“ Zyus asserted, going out on a limb. Blake hadn’t attacked an Akkato ship yet, and what the amount of Franks left after that could cause problems was unknown.
„Then tell him he’s found allies.“
„Give me a station and I’ll brief him.“
„No problem. Can you stand up?“
Zyrus left his bed with difficulty and dragged himself out of the infirmary, supported by Ramona’s brother. Wrapped in a skin-tight suspension suit that now clung tighter to his body, he hobbled across the forest floor, into the command post. There, they put Zyrus on a transmitter. He turned off the log, dialed the secret frequency, and added his agent ID.
„Base one. Do you have reception?“ asked Zyrus into the microphone. „Base one, can you hear?“
A buzzing sound came in response.
„I have a request for cooperation.“
„What kind?“ the electronic voice asked.
„Militarily and logistically.“
„I’ll pass it on.“
Silence reigned for a while. Finally, Blake’s base called back. The toneless voice buzzed from the speaker. „Are you authorized to negotiate with us?“
Ramona Jablonski pushed Zyrus aside. „He doesn’t. But me and my brother.“
„Who are you?“
„Ramona and Pavel Jablonski. Their boss, Admiral Blake, knew our father. Dallas Jablonski.“
Again there was a long pause. It lasted so long that Zyrus thought contact had broken off until finally a reply came. „We will negotiate.“
„That’s your business now.“
Two soldiers took Zyrus back to the infirmary. In a supply alcove, right next to his, he saw a young woman sitting upright on her cot. Next to her was a little girl in a large, comfortable armchair, holding a rag doll in her hands.
The child pointed at Zyrus. „That’s the man who saved us.“
Zyrus felt too exhausted to converse with them and wanted to rest. He pulled the blanket up to his chest and watched as a medical assistant reconnected him to the diffusion cuff. At the same time, the suspension suit relaxed.
The little girl pulled aside the curtain separating the two patients and stood by Zyru’s bedside. „Mamma look.“
„I’m sure your mamma would like to rest,“ Zyrus countered.
„No. It’s all right,“ said the brunette woman whose features possessed something hard, and bitter. „I want to know who you are.“
„Zyrus,“ he introduced himself. „Zyrus Korren. My friends call me Zy. And combination with my last name, Zyko. A lot of people think phonetically it matches my character traits exactly.“
„That’s not how you seem to me. My name is Karen Porter. The girl is Mary. My daughter. We want to thank you for saving us.“
„That was a matter of course. Beyond that, I’m tired and would prefer to sleep.“
„I understand.“ Karen Porter nodded and waved her daughter over. „Leave our hero alone, Mary.“
Porter, Zyrus reflected. He had once had a comrade of that name when he served on the Zora. That seemed like ages ago. Even though it was unlikely that Karen was related to Dominic Porter, just the memory of her namesake caused Zyrus to regret his words. „No. It’s all right. I’d like to know where you’re from, and what you’ve been through.“
„You saw that.“
„I mean before that. What are you doing, with a child at that, in an area where there are monsters like that?“
„Where should we go? Anarchy reigns in most cities. Fledds and other crazy groups are roaming the woods. Warlords big and small fighting everywhere, and at any time a spaceship can fall on your head. Okay. The latter doesn’t happen as much anymore, but the other stuff is still a reality. And as for those monsters, they’ve only recently become a problem.“
„Then what were you doing so far out of town?“
„My husband and I are with the Hawks. We’re Phoenix Homeland Security. We have a small base and have lived there since the Akkato showed up and attacked the city. From there, we held our own for a time, but our options. We were waiting for support from the Jablonskis. Weapons, materiel. But it never came to that.“
„Do you know where your husband is now?“
„No. He was out with his people to give the Akkato a surprise.“
„I think we’ve seen that. He succeeded, that much I can tell you.“
„Ben’s good at it. He’s hated the Akkatos for a long time.“
„Is there a reason for this?“
„He lost his family when the bugs and the horse skulls got into a fight.“ Karen Porter frowned. „How long have you been on the force?“
„I’m not part of the brave little army here.“
„The way you say that, it sounds a little condescending. Where are you from?“
Zyrus could have told her a tall tale, but he decided against it. Something told him Karen would see through his deceptions. „I belong to an influential faction that seeks allies.“
Karen looked at him critically, expectantly. „And who is that?“
„Someone with enough power to make a difference.“
„Then why does he need supporters?“
„It’s always good to have allies.“
„Allies are trouble.“
„He’s got bigger plans to let that stop him.“
„A ruler, then.“
For the first time, Zyrus was speechless. He had never thought of Blake as someone who cared about power. The old admiral pursued strategic considerations and commanded a sizable army. None of that, however, had anything to do with politics. But Karen was right. If you thought it through to the end, it all boiled down to governing and handing out prfünden. A new order of things.
„We’ll see,“ Zyrus replied somewhat helplessly. „It all has to develop before you can see where it’s going.“
„By then it’s usually too late and you’ve got guilt on your hands.“
Karen looked at Zyrus with pity. Like a romantic hero whose courage was as undeniable as his naivety.

Allan J. Stark

Allan J. Stark geb. 25. 01. 1968

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